Am
Montag landete ich also wieder im Krankenhaus. Dort traf ich nur auf
eine Vertretungsärztin. Sie führte die Aufnahme durch und sagte,
dass sie als Vertretungsärztin leider nichts zum weiteren Werdegang
und der kommenden Therapie sagen kann. Als der Arzt mich telefonisch
zu meiner Diagnose angerufen hatte, sagte er, dass es eventuell zwei
leichtere Chemotherapie-Zyklen sein werden. Also nahm ich das jetzt
erst mal als Anhaltspunkt. Die Ärztin fragte mich, ob ich Kinder
hätte. Ich verneinte. Nachdem sie meine Reaktion auf die Frage und
meine damit verbundene Angst keine Kinder bekommen zu können
bemerkte, bot Sie mir einen Termin bei einer Gynäkologin des
Krankenhauses an. Sie sagte, es gäbe die Möglichkeit sich Eizellen
einfrieren zu lassen. Damit wäre man wohl ganz gut auf der sicheren
Seite.
Am
Nachmittag ging ich dann zu meinem Termin mit der Gynäkologin. Sie
begrüßte mich mit den Worten: „Eigentlich mache ich solche
Aufklärungsgespräche sonst nie.“ Aha, da fühlte ich mich doch
gleich gut aufgehoben. Sie stellte mir dann zwei Varianten vor.
Vorstellen ist vielleicht etwas weit ausgeholt, sie druckte mir die
Informationen aus dem Internet aus. Die erste Variante wäre das
Einfrieren meiner Eizellen gewesen. Die Betonung liegt hierbei auf
wäre.
Im selben Atemzug sagte sie mir, dass sie mit der Ärztin gesprochen
hätte und diese meinte, dass ich gar keine Zeit mehr dafür hätte.
Das Vorbereiten und Einfrieren der Eizellen dauert mindestens drei
Wochen und diese Zeit könne ich mir nicht mehr nehmen, ich müsse
schnellstmöglich mit meiner Therapie beginnen. Außerdem sagte sie
ihr, dass ich eh das härtere Therapieschema mit vier bis sechs
Zyklen bekommen würde, da würde dann auch nur die zweite Variante
in Frage kommen. Hierbei bekommt man für meistens je drei Monate
eine Spritze die verhindert, dass die Eizellen reifen. Man versetzt
hierbei den Körper künstlich in die Wechseljahre. Ich war einfach
nur fassungslos. Vor nur wenigen Stunden sagte sie mir etwas völlig
anderes und das sie dazu nichts sagen kann und schlug mir anbei sogar
noch die Variante mit meinen Eizellen vor. Ich war einfach nur sauer
und fühlte mich verladen. Aufgelöst verließ ich mit meinem Freund
diese tolle Beratung. Im Anschluss suchte ich die Ärztin auf, um zu
fragen, was das sollte. Sie meinte, dass sie sich mit anderen Ärzten
ausgetauscht hätte und es nun so aussieht, dass ich so eine Therapie
bekommen würde. Statt weiter zu diskutieren und nachzuhaken, mit
welchen Ärzten sie denn gesprochen hätte (sie war ja immerhin als
Vertretungsärztin vor Ort weil keine anderen Ärzte da waren),
verließ ich das Zimmer und nahm die unglückliche Wendung meiner
Therapie hin...
Am
darauf folgenden Tag stand noch die Knochenmarkpunktion an. Hierbei
wird aus dem Beckenknochen mit einer Hohlnadel Knochenmark entnommen
beziehungsweise heraus gestanzt. Vor dieser Prozedur hatte ich doch
ganz schön Angst. Und wie sich herausstellte war diese auch mehr als
unangenehm. Der Schmerz der Entnahme war wirklich nicht ohne. Es war
sogar noch schlimmer als die Biopsien meines Tumors und die waren ja
durch die Schichten des Brustkorbes auch nicht wirklich ein
Spaziergang. Ich war sehr froh als alles endlich vorüber war. Im
Anschluss musste ich noch zwei Stunden auf einer Art Sandsack liegen
bleiben. Die Proben wurden dann ins Labor geschickt. Die Auswertung
sollte bis zu 14 Tage dauern.
Am
nächsten Tag hatte ich beim Sitzen und Liegen noch immer Schmerzen
von der Punktion. Es fühlte sich an wie ein einziger riesiger blauer
Fleck. An diesem Tag stand noch ein Lungenfunktionstest sowie ein EKG
an. Die Lungenfunktion war wirklich unterirdisch, das EKG zum Glück
in Ordnung. Nun kam auch endlich mal eine Ärztin vorbei, die mich
über meinen weiteren Therapieverlauf aufklären wollte. Nachdem sich
wohl die Ärzte gemeinschaftlich beraten hatten, sollte ich nun eine
Therapie aus vier Chemotherapie-Zyklen bekommen. Zwei aggressive
Therapien nach dem BEACOPP esk.-Schema und zwei Therapien nach dem
ABVD-Schema. Diese unterscheiden sich in der Anzahl der Medikationen
und an der Anzahl sowie Verteilung der Therapietage. Bei BEACOPP esk.
gibt es die volle Dröhnung aus zig Medikationen die auch zum Teil
noch Zuhause eine Zeit lang weiter genommen werden müssen. Das
ABVD-Schema ist zumindest in der Anzahl der Medikation
abgeschwächter. Nun also schon wieder eine andere Therapie. Diese
sollte, wie man mir versicherte, nun aber auch wirklich so gemacht
werden. Dieses ganze Hin und Her war einfach nur zermürbend. Man
versucht sich ja nun auch auf die kommende unschöne Situation
einzustellen und in den wenigen Tagen drei verschiedene Aussagen zu
bekommen war einfach unmöglich. Die Ärztin sagte außerdem, dass
sie mir raten würde, mich in die HD-17 Studie einschließen zu
lassen. Hierbei wird schon seit einiger Zeit getestet, ob man die
Bestrahlung nach der Chemotherapie weglassen kann, um so
Langzeitschäden zu verhindern oder eindämmen zu können. Hier gibt
es, wie bei Multiple Choice, drei Wege zur „Auswahl“. Ist der Tumor
noch immer nicht besiegt, erfolgt in jedem Fall eine Bestrahlung. Wenn
nicht, kommt es darauf an, in welchem Studienarm man ist – also
entweder bekommt man die Bestrahlung, wie es auch so die
Standardtherapie ist oder man ist davon befreit. Die Chemotherapie an
sich, wäre wohl auch ohne die Studie dieselbe. Da ich keine Ahnung
hatte, was nun das beste ist, stimmte ich dem zu. Kurze Zeit später
bekam ich einen dicken Studienhefter in die Hand gedrückt. Der
Studienarzt würde diesen wohl morgen mit mir durchgehen.
Am
Donnerstag sollte das Pet-CT anstehen. Hierbei bekommt man eine
radioaktive Flüssigkeit gespritzt sowie Glukose zum trinken. Die
radioaktive Flüssigkeit macht später im CT den Zucker sichtbar,
welcher sich an die Tumorzellen und eventuellen Metastasen heftet.
Somit kann man die Tumorherde im Körper relativ zuverlässig
ausfindig und sichtbar machen und auch das Stadium des Tumors gut
bestimmen. Ansonsten läuft es wie ein normales CT ab. Man muss sich auch
wieder auf die Liege legen, legt die Arme nach oben um nichts zu
verdecken und bekommt auch nach einiger Zeit wieder Kontrastmittel
gespritzt. Das Pet-CT dauerte eine knappe Stunde. Dabei darf man sich
natürlich nicht bewegen und so tat mir im Anschluss ganz schön die
Punktionsstelle von der harten Liege weh. Die Auswertung sollte am
nächsten Nachmittag fertig sein.
Am
Nachmittag wartete ich auf den Studienarzt. Dieser kam völlig
verspätet zu unserem Termin mit den Worten: „Sie haben sich ja
schon alles soweit durchgelesen, haben sie schon alles
unterschrieben?“ Ich sagte ihm, dass ich ganz gern noch aufgeklärt
werden würde und auch noch einige Fragen hätte, da ich nun trotzdem
keine genaue Vorstellung hätte was auf mich zukommen würde. Er sagte, dass er
allerdings dann noch mal kurz weg müsste und in ein paar Minuten wieder
da wäre. Nach 2 ½ Stunden Gewarte auf dem Flur war es dann doch
schon so weit. Er ratterte die vielen Medikamente runter und welche
Nebenwirkungen, auf meine Nachfrage, sie haben könnten und ließ
mich schon fleißig die Unterlagen unterschreiben. Ich sagte, dass
ich noch immer nicht wirklich weiß was nun alles auf mich zukommen
wird und mich nicht aufgeklärt fühle. Die Antwort auf all meine
Fragen hieß dann: „Hm, ja.“ Wie so oft schluckte ich den Ärger
runter weil ich wusste, dass ich hier auch wieder nicht weiterkommen
würde...
Am
Freitag gab es natürlich kein Pet-CT-Ergebnis. Und auch von meiner
Knochenmarkpunktion gab es noch keine Ergebnisse. Die Therapie sollte
trotzdem wie besprochen durchgeführt werden, dass die anderen
Ergebnisse noch nicht vorliegen, sei dabei wohl egal... Und die
Therapie sollte sogar schon am morgigen Tag starten. Ich fühlte mich
über diesen schnellen Start plötzlich sehr überfahren. Aber
anderseits gibt es für den Start und die Therapie keinen guten
Zeitpunkt. Ich bekam dann noch meine Spritze, damit die ersten 3
Monate Wechseljahre losgehen konnten. Zum einen, wie schon
geschrieben, um die Eizellen zu schützen und zum anderen, weil man
während der Therapie sehr verminderte Blutplättchen hat. Man muss
dann sehr auf Blutungszeichen achten oder schon aufpassen, wenn man
sich nur einen kleinen Kratzer oder Schnitt zu zieht. Das kann
gefährlich werden und man braucht unter Umständen eine
Bluttransfusion. Also gibt’s dieses Mal wohl kein Blutvergießen.
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