Samstag, 20. Februar 2016

Wetteinsätze für das Therapieschema werden gern noch entgegen genommen

Am Montag landete ich also wieder im Krankenhaus. Dort traf ich nur auf eine Vertretungsärztin. Sie führte die Aufnahme durch und sagte, dass sie als Vertretungsärztin leider nichts zum weiteren Werdegang und der kommenden Therapie sagen kann. Als der Arzt mich telefonisch zu meiner Diagnose angerufen hatte, sagte er, dass es eventuell zwei leichtere Chemotherapie-Zyklen sein werden. Also nahm ich das jetzt erst mal als Anhaltspunkt. Die Ärztin fragte mich, ob ich Kinder hätte. Ich verneinte. Nachdem sie meine Reaktion auf die Frage und meine damit verbundene Angst keine Kinder bekommen zu können bemerkte, bot Sie mir einen Termin bei einer Gynäkologin des Krankenhauses an. Sie sagte, es gäbe die Möglichkeit sich Eizellen einfrieren zu lassen. Damit wäre man wohl ganz gut auf der sicheren Seite.

Am Nachmittag ging ich dann zu meinem Termin mit der Gynäkologin. Sie begrüßte mich mit den Worten: „Eigentlich mache ich solche Aufklärungsgespräche sonst nie.“ Aha, da fühlte ich mich doch gleich gut aufgehoben. Sie stellte mir dann zwei Varianten vor. Vorstellen ist vielleicht etwas weit ausgeholt, sie druckte mir die Informationen aus dem Internet aus. Die erste Variante wäre das Einfrieren meiner Eizellen gewesen. Die Betonung liegt hierbei auf wäre. Im selben Atemzug sagte sie mir, dass sie mit der Ärztin gesprochen hätte und diese meinte, dass ich gar keine Zeit mehr dafür hätte. Das Vorbereiten und Einfrieren der Eizellen dauert mindestens drei Wochen und diese Zeit könne ich mir nicht mehr nehmen, ich müsse schnellstmöglich mit meiner Therapie beginnen. Außerdem sagte sie ihr, dass ich eh das härtere Therapieschema mit vier bis sechs Zyklen bekommen würde, da würde dann auch nur die zweite Variante in Frage kommen. Hierbei bekommt man für meistens je drei Monate eine Spritze die verhindert, dass die Eizellen reifen. Man versetzt hierbei den Körper künstlich in die Wechseljahre. Ich war einfach nur fassungslos. Vor nur wenigen Stunden sagte sie mir etwas völlig anderes und das sie dazu nichts sagen kann und schlug mir anbei sogar noch die Variante mit meinen Eizellen vor. Ich war einfach nur sauer und fühlte mich verladen. Aufgelöst verließ ich mit meinem Freund diese tolle Beratung. Im Anschluss suchte ich die Ärztin auf, um zu fragen, was das sollte. Sie meinte, dass sie sich mit anderen Ärzten ausgetauscht hätte und es nun so aussieht, dass ich so eine Therapie bekommen würde. Statt weiter zu diskutieren und nachzuhaken, mit welchen Ärzten sie denn gesprochen hätte (sie war ja immerhin als Vertretungsärztin vor Ort weil keine anderen Ärzte da waren), verließ ich das Zimmer und nahm die unglückliche Wendung meiner Therapie hin...

Am darauf folgenden Tag stand noch die Knochenmarkpunktion an. Hierbei wird aus dem Beckenknochen mit einer Hohlnadel Knochenmark entnommen beziehungsweise heraus gestanzt. Vor dieser Prozedur hatte ich doch ganz schön Angst. Und wie sich herausstellte war diese auch mehr als unangenehm. Der Schmerz der Entnahme war wirklich nicht ohne. Es war sogar noch schlimmer als die Biopsien meines Tumors und die waren ja durch die Schichten des Brustkorbes auch nicht wirklich ein Spaziergang. Ich war sehr froh als alles endlich vorüber war. Im Anschluss musste ich noch zwei Stunden auf einer Art Sandsack liegen bleiben. Die Proben wurden dann ins Labor geschickt. Die Auswertung sollte bis zu 14 Tage dauern.

Am nächsten Tag hatte ich beim Sitzen und Liegen noch immer Schmerzen von der Punktion. Es fühlte sich an wie ein einziger riesiger blauer Fleck. An diesem Tag stand noch ein Lungenfunktionstest sowie ein EKG an. Die Lungenfunktion war wirklich unterirdisch, das EKG zum Glück in Ordnung. Nun kam auch endlich mal eine Ärztin vorbei, die mich über meinen weiteren Therapieverlauf aufklären wollte. Nachdem sich wohl die Ärzte gemeinschaftlich beraten hatten, sollte ich nun eine Therapie aus vier Chemotherapie-Zyklen bekommen. Zwei aggressive Therapien nach dem BEACOPP esk.-Schema und zwei Therapien nach dem ABVD-Schema. Diese unterscheiden sich in der Anzahl der Medikationen und an der Anzahl sowie Verteilung der Therapietage. Bei BEACOPP esk. gibt es die volle Dröhnung aus zig Medikationen die auch zum Teil noch Zuhause eine Zeit lang weiter genommen werden müssen. Das ABVD-Schema ist zumindest in der Anzahl der Medikation abgeschwächter. Nun also schon wieder eine andere Therapie. Diese sollte, wie man mir versicherte, nun aber auch wirklich so gemacht werden. Dieses ganze Hin und Her war einfach nur zermürbend. Man versucht sich ja nun auch auf die kommende unschöne Situation einzustellen und in den wenigen Tagen drei verschiedene Aussagen zu bekommen war einfach unmöglich. Die Ärztin sagte außerdem, dass sie mir raten würde, mich in die HD-17 Studie einschließen zu lassen. Hierbei wird schon seit einiger Zeit getestet, ob man die Bestrahlung nach der Chemotherapie weglassen kann, um so Langzeitschäden zu verhindern oder eindämmen zu können. Hier gibt es, wie bei Multiple Choice, drei Wege zur „Auswahl“. Ist der Tumor noch immer nicht besiegt, erfolgt in jedem Fall eine Bestrahlung. Wenn nicht, kommt es darauf an, in welchem Studienarm man ist – also entweder bekommt man die Bestrahlung, wie es auch so die Standardtherapie ist oder man ist davon befreit. Die Chemotherapie an sich, wäre wohl auch ohne die Studie dieselbe. Da ich keine Ahnung hatte, was nun das beste ist, stimmte ich dem zu. Kurze Zeit später bekam ich einen dicken Studienhefter in die Hand gedrückt. Der Studienarzt würde diesen wohl morgen mit mir durchgehen.

Am Donnerstag sollte das Pet-CT anstehen. Hierbei bekommt man eine radioaktive Flüssigkeit gespritzt sowie Glukose zum trinken. Die radioaktive Flüssigkeit macht später im CT den Zucker sichtbar, welcher sich an die Tumorzellen und eventuellen Metastasen heftet. Somit kann man die Tumorherde im Körper relativ zuverlässig ausfindig und sichtbar machen und auch das Stadium des Tumors gut bestimmen. Ansonsten läuft es wie ein normales CT ab. Man muss sich auch wieder auf die Liege legen, legt die Arme nach oben um nichts zu verdecken und bekommt auch nach einiger Zeit wieder Kontrastmittel gespritzt. Das Pet-CT dauerte eine knappe Stunde. Dabei darf man sich natürlich nicht bewegen und so tat mir im Anschluss ganz schön die Punktionsstelle von der harten Liege weh. Die Auswertung sollte am nächsten Nachmittag fertig sein.

Am Nachmittag wartete ich auf den Studienarzt. Dieser kam völlig verspätet zu unserem Termin mit den Worten: „Sie haben sich ja schon alles soweit durchgelesen, haben sie schon alles unterschrieben?“ Ich sagte ihm, dass ich ganz gern noch aufgeklärt werden würde und auch noch einige Fragen hätte, da ich nun trotzdem keine genaue Vorstellung hätte was auf mich zukommen würde. Er sagte, dass er allerdings dann noch mal kurz weg müsste und in ein paar Minuten wieder da wäre. Nach 2 ½ Stunden Gewarte auf dem Flur war es dann doch schon so weit. Er ratterte die vielen Medikamente runter und welche Nebenwirkungen, auf meine Nachfrage, sie haben könnten und ließ mich schon fleißig die Unterlagen unterschreiben. Ich sagte, dass ich noch immer nicht wirklich weiß was nun alles auf mich zukommen wird und mich nicht aufgeklärt fühle. Die Antwort auf all meine Fragen hieß dann: „Hm, ja.“ Wie so oft schluckte ich den Ärger runter weil ich wusste, dass ich hier auch wieder nicht weiterkommen würde...

Am Freitag gab es natürlich kein Pet-CT-Ergebnis. Und auch von meiner Knochenmarkpunktion gab es noch keine Ergebnisse. Die Therapie sollte trotzdem wie besprochen durchgeführt werden, dass die anderen Ergebnisse noch nicht vorliegen, sei dabei wohl egal... Und die Therapie sollte sogar schon am morgigen Tag starten. Ich fühlte mich über diesen schnellen Start plötzlich sehr überfahren. Aber anderseits gibt es für den Start und die Therapie keinen guten Zeitpunkt. Ich bekam dann noch meine Spritze, damit die ersten 3 Monate Wechseljahre losgehen konnten. Zum einen, wie schon geschrieben, um die Eizellen zu schützen und zum anderen, weil man während der Therapie sehr verminderte Blutplättchen hat. Man muss dann sehr auf Blutungszeichen achten oder schon aufpassen, wenn man sich nur einen kleinen Kratzer oder Schnitt zu zieht. Das kann gefährlich werden und man braucht unter Umständen eine Bluttransfusion. Also gibt’s dieses Mal wohl kein Blutvergießen.

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