Mittwoch, 10. Februar 2016

Der Anfang allen Übels - scrollen wir einmal sehr weit zurück

Es war Juli 2014, zwei Tage nach meinem 27. Geburtstag hatte ich meinen Arbeitsplatz gewechselt und eine neue Stelle begonnen. Noch gerade einen Tag vorher hatte ich nach meinem Sommerschnupfen eine nervige Bindehautentzündung verabschiedet. Bereits einige Wochen danach bekam ich meinen nächsten, leichten Schnupfen und Halsweh. Ich fühlte mich nicht richtig krank, aber auch nicht wirklich gesund und fit – nicht weiter schlimm, denn ich wusste ja noch nicht, dass mich dies nun unentwegt und Monate weiter so begleiten sollte. Es folgte eine dicke Erkältung, dann wieder leichter Schnupfen und Halsweh, dicke Erkältung, leichter Schnupfen und Halsweh... Spätestens wenn Ärzte nicht mehr weiter wissen, wird Antibiotikum verschrieben. Ob es nun sinnvoll ist oder nicht – in den meisten Fällen ist es das ja nicht. Und wenn dann immer noch alles komisch ist, kann das Antibiotikum ja nicht geholfen haben, also geben wir noch mal eins obendrauf. Und so kam es, dass ich nach diesem Antibiotikum extremes Erbrechen, Durchfall und sogar Fieber bekam, was für mich auch bei doller Krankheit immer eine reine Seltenheit ist. Ich wechselte den Arzt, da meine Antibiotikum-Ärztin im Urlaub war – ein wahrer Traum von Ärztin, die wie sich zeigen wird, sich auch wahrlich für ihre Patienten interessiert und auf des Rätsels Spuren begibt. Schnell stellte sie nach einer Probe fest, dass das Antibiotikum meine Darmflora völlig geschädigt hatte: ich hatte eine pseudomembranöse (antibiotikaassoziierte) Kolitis. Und weil man so gerne böses mit bösem bekämpft musste ich wieder ein Antibiotikum nehmen, da man die bösen Bakterien sonst nicht abtöten kann. Nach der halben Antibiotikum-Therapie musste ich abbrechen, ich hatte es überhaupt nicht vertragen. Zum Glück stellte sich nach einer weiteren Probe raus, dass die Therapie schon angeschlagen hat und die Bakterien weg waren. Mein Körper feierte dies mit einer üblen Bronchitis. Ich war völlig fertig mit den Nerven. Auf der einen Seite darüber von einer Krankheit in die nächste zu schlittern und nicht wirklich gesund zu werden und auf der anderen Seite aus Angst um meinen neuen Arbeitsplatz – schließlich befand ich mich noch immer in der Probezeit.

Nun begann ich mich wieder meinem Dauerzustand von irgendwie-krank-und-irgendwie-auch-nicht weiter zu widmen. Ich war einfach nur genervt von diesem Zustand, fing an mich viel mit dem Thema Ernährung zu beschäftigen und zu schauen wie ich sonst noch mein Immunsystem auf Vordermann bringen konnte. Schließlich meldete ich mich im Fitnessstudio an – zum einen um fit zu werden und zum anderen um einen Ausgleich zu meiner sitzenden Tätigkeit zu haben. Weit kam ich mit meinem Training natürlich nicht, die nächste dolle Erkältung klopfte an die Tür. So sollte das Spiel noch eine Weile weitergehen.

Anfang Dezember bekam ich starke Rückenschmerzen. Genauer gesagt, unter meinem rechten Schulterblatt. Da die Schmerzen auch nach Tagen einfach nicht verschwanden, entschied ich mich zum Orthopäden zu gehen. Mit einem frisch eingerenkten Rücken verließ ich die Praxis. Einen Tag vor Weihnachten besuchte ich erneut die Praxis, mein Zustand war unverändert. Wieder wurde mir mein Rücken eingerenkt und mit einem Überweisungsschein zur Physiotherapie verließ ich die Praxis. Am nächsten Tag, pünktlich zum Weihnachtsessen am Mittag, hatte ich so dolle Schmerzen, dass ich nicht mehr wusste wohin mit mir. Ich fuhr in die Notaufnahme. Doch anstatt mal zu Röntgen oder sonstige Untersuchungen vorzunehmen, schickte man mich mit Schmerzmitteln wieder nach Hause. Also schlug ich mich, wie immer, mit Schmerzmitteln weiterhin durch und strebte meine Termine für die Physiotherapie im nächsten Jahr an.

Sechs Mal Physiotherapie absolviert, Gesundheitszustand unverändert, Schmerzen sogar noch schlimmer. Die Schmerzen ließen mich zum Teil kaum noch durchschlafen, ich wusste nicht, wie ich liegen sollte und sie schienen immer gegenwärtig. Wenn es gar nicht mehr auszuhalten war, nahm ich eine Schmerztablette. Für einen kurzen Moment machte sich Erleichterung breit – die Schmerzen waren endlich verschwunden. Da alles nichts brachte, suchte ich den nächsten Arzt auf, denn ich war irgendwie nicht so recht wie der Arzt, davon überzeugt, dass das alles ja allein von meiner verkrampften Schreibtischarbeit kommen kann. Hier ein ganz besonderes Exemplar von Orthopädin: Sie hörte sich noch nicht mal meine Geschichte an, ließ mich nicht aussprechen, sondern renkte mir nur mal wieder mein Brustbein und und verließ mit den Worten „ich verspreche Ihnen, in spätestens zwei Tagen können Sie wieder durchschlafen“, das Zimmer. Völlig hilflos und aufgelöst kam ich aus der Praxis. Ich hatte die Schmerzen und diese Unfähigkeit von Ärzten langsam so satt.

Anlauf Nummer... ich weiß es schon nicht mehr. Meine Mutter empfahl mir einen, wie sie sagte, sehr guten und einfühlsamen Orthopäden. Da ich nach meinem Anruf in der Praxis monatelang auf einen Termin hätte warten müssen, setzte sie sich für mich bei dem Arzt ein und besorgte mir einen früheren Termin. Der Arzt schaute mich zur Abwechslung mal etwas genauer an und verschrieb mir ebenso weitere Physiotherapie. So eine Therapie dauert ja schließlich seine Zeit, und er empfahl mir eine andere Praxis dafür. In dieser Praxis wurde mir noch mal ordentlich gezeigt wo der Hammer hängt: hier wurden mir die sogenannten Schmerzpunkte gedrückt. Vor Schmerz schossen mir sogar bei meinem ersten Termin die Tränen in die Augen. Belächelnd wurde festgestellt, dass ich wohl ein etwas empfindliches Exemplar sei. Vor jedem weiteren Besuch der Praxis hoffte ich sehr, dass wir mal etwas anderes machen würden, als meine Schmerzpunkte auszuquetschen, aber leider wurde daraus nichts. Nach sechs Sitzungen – wie immer keine Änderung, eher im Gegenteil. Nach einiger Zeit wurde zwar der Rücken minimal besser, aber ich bekam extreme Schmerzen in meinem rechten Brustkorb und am Brustbein mittig. Ich konnte weder auf meiner rechten Seite liegen, noch auf dem Bauch. Schon beim geringsten Umdrehen schmerzte es nur noch wie die Hölle. Von da an schlief ich keine Nacht mehr durch. Teilweise schlief ich auch nur noch sehr wenig und oftmals nur noch mit Schmerzmittel. Oft wachte ich extrem geschwitzt auf und musste sogar meine Sachen wechseln. Ich dachte immer, es liegt daran, dass mein Körper aufgrund der Schmerzen so reagiert.

Also wieder zum Arzt. Da dieser allerdings nicht da war, musste ich zu einem Kollegen. Dieser hatte die nächste abenteuerliche Reise für mich vorbereitet: „Sie haben das seltene Tietze-Syndrom, das können Sie ja mal googeln“. Mit hoch dosierten Schmerzmitteln, einer Überweisung zur Physiotherapie und Sportempfehlung ging ich nach Hause. Ein bisschen erleichtert war ich irgendwie schon, denn ich hatte endlich etwas, wie ich dachte, greifbares. Die Symptome schienen sich mit meinen zu decken, auch wenn die Schmerzen meistens auf der anderen Körperseite aufkommen sollten. Also lutschte ich fleißig weiter meine Schmerzbonbons und ging weiterhin zur Physiotherapie – dieses Mal mit dem Ausdrücken der Schmerzpunkte, unter großem Krafteinsatz meiner Physiotante, auf meinen rechten Brustkorb. Rückblickend und mit jetzigem Gewissen um was es sich letzten Endes handelte, finde ich diese Prozedur und diese „Behandlungsmethode“ einfach nur erschreckend... Es könne sich hier nur um einen eingeklemmten Nerv unter dem Brustbein handeln, schließlich kam der Schmerz doch unter meinem zweiten Rippenbogen extrem zum Vorschein. Von einem Tietze-Syndrom, wo sich die Knorpelhaut der Rippenbögen oder dem Brustbein entzündet, hätte sie auch noch nie gehört. Also den Schmerz versuchen weiterhin herunterzuschlucken und die Physiotherapie weiter durchstehen. Die Schmerzmittel, die nun fester Bestandteil meines Alltags waren, halfen mir zunehmend kaum noch...

Nun fing auch noch meine Haut am Hals und Dekolleté an zu jucken und kleine trockene Stellen zu bilden. Ich dachte schon, ich hätte ein Ekzem oder irgendeine leichte Art der Neurodermitis entwickelt. Einige Wochen später fingen beide Unterarme nun auch noch, nach der Arbeit im Garten, unangenehm an zu jucken und zu brennen und wurden sogar leicht rot. Ich dachte auch wieder an eine Allergie und so entschied ich mich dann einen Allergietest machen zu lassen. Natürlich blieb auch dieser ohne Befund. Die Beschwerden aber blieben.

Damit ich mich meinem Krankheitsschema natürlich nicht weiter entfernte, bekam ich mal wieder die nächste größere Erkältung mit nervigem trockenem Husten. Ich suchte meine Allgemeinarztpraxis auf. Der Vertretungsarzt verabschiedete mich schnell mit den Worten „na wenn Sie nur einen Krankenschein brauchen, brauche ich sie ja nicht abhorchen“. Überschüttet mit so viel Nettigkeit und Kompetenz verließ ich die Praxis. Die Erkältung wurde besser, der Husten blieb und das nun schon hartnäckig seit sechs Wochen und man verschrieb mir nun ein Asthmaspray. Kurze Zeit später: eine eitrige Mandelentzündung. Wieder Antibiotikum.

Rückblickend, wenn ich diese Zeilen schreibe, bin ich immer noch sehr schockiert, wie lang sich dieser Weg im Vorfeld zog, wie unglaublich ignorant und desinteressiert so viele Ärzte sind und waren. Hauptsache irgendwas in die Hand gedrückt und schnell wieder wegschicken. Auch während meiner Therapiezeit im Krankenhaus habe ich so unendlich viele Geschichten gehört, in denen es den Menschen genauso erging. Es ist doch einfach schrecklich. Wozu geht man denn überhaupt noch zum Arzt? Und wie oft ich doch dachte, mit all den in den Raum geworfenen „Diagnosen“, dass ich endlich wüsste woran all das liegt und das ich anscheinend endlich etwas dagegen tun könnte...

Da ich nach einiger Zeit immer noch nicht wieder richtig fit war, ging ich wieder zur Allgemeinarztpraxis. Nun landete ich bei einer wirklich tollen Ärztin. Abgesehen davon, dass mich ihre Art und ihre Sprüche jedes Mal zum Lachen brachten, setzte sie sich für ihre Patienten zu 110% ein. Sie hörte sich meinen ganzen gesundheitlichen Leidensweg noch mal an. Sie beschloss ein Blutbild zu machen. Dabei stellte sie fest, dass ich extrem hohe Entzündungswerte im Blut hatte. Diese lagen weit außerhalb der Norm und sind nur bei starken Krankheiten so extrem hoch. Nach etlichen weiteren Blutabnahmen, um die Werte zu kontrollieren und zu überwachen, bekam ich das nächste Antibiotikum verordnet. Wieder half es nichts, die Werte waren immer noch zu hoch. Schließlich zog sie in der Gemeinschaftspraxis die anderen Ärzte zu Rate. Jetzt sollte alles mal durchgecheckt werden, irgendwo muss es doch schließlich herkommen. Nach zweimaligem Röntgen des Brustkorbes wegen meiner Schmerzen und dem Husten, Ultraschall meines Bauches mit allen dazugehörigen Organen, folgte nun die Vorstellung beim Kardiologen. Das EKG war völlig in Ordnung, allerdings stellte der Arzt beim Ultraschall fest, dass sich Wasser in meinem Herzbeutel gesammelt hat. Dieses sollte sich mit Ruhe und Schonung wieder zurückbilden. Also ging ich mit dem nächsten gelben Schein, und leicht geschockt, wieder nach Hause. Das etwas an meinem Herz nicht in Ordnung sein sollte beunruhigte mich doch ganz schön. Nach drei Wochen war es durchstanden, das Wasser war draußen. Ich war froh, dass es doch so schnell ging und das es nun für die Entzündungswerte und die damit verbundenen unendlich vielen Blutabnahmen eine Erklärung und ein Ende gab. Zurück zu meiner tollen Ärztin, mit meiner freudigen Nachricht. Doch meine Blutwerte sollte eine andere Sprache sprechen. Sie waren sogar noch etwas Höher. Ich sagte ihr, dass ich demnach gern ein MRT machen lassen würde, denn oft ist ja beim Ultraschall nicht alles erkennbar. Vielleicht hat sich ja doch noch etwas hinter meinem Herzchen versteckt. Verständnisvoll überwies sie mich erneut zum Kardiologen und dieser besorgte mir einen ambulanten MRT-Termin im Krankenhaus. Nach einer Woche rief mich die Schwester der Praxis an und sagte mir, dass der Arzt gern die Auswertung mit mir besprechen möchte. Ich fragte sie, ob sie mir das Ergebnis nicht schon am Telefon sagen könnte, so hätte ich gewusst woran ich bin oder mir vielleicht sogar, so dachte ich, den Weg in die Praxis gespart. Sie sagte, dass der Arzt mich selber sprechen wollte. Komischer Weise bekam ich nach diesem Telefonat ein komisches Gefühl in meiner Magengegend. Mulmig ging ich am Nachmittag in die Praxis.

Ich erinnere mich auch noch heute an die genauen Worte des Arztes: „Ich habe ihre MRT-Auswertung bekommen, das Wasser ist aus dem Herzbeutel raus und auch so sieht ihr Herz erst mal sehr gut aus, keine Entzündung oder dergleichen wurde eindeutig gefunden.“ … kurze Pause und es wurde Luft geholt. Mein Magen zog sich zusammen. „ ... Allerdings haben wir da im MRT etwas gefunden, was da nicht hingehört“. Ich war völlig erstarrt, mein Kopf völlig leer. Er erklärte mir, dass man nicht genau sagen könne was es ist. Es sei rund 6 cm groß und kann alles mögliche sein. Es muss nichts Schlimmes sein, aber ausschließen kann man es auch wirklich erst durch weitere Untersuchungen. Und dann dämmerte mir, was er wirklich meint. Die Tränen kündigten sich nicht leise an, sie brachen aus mir heraus. Der Arzt riet mir, es im Krankenhaus abklären zu lassen. Er bat mir an, sich zu erkundigen, welches Krankenhaus schnellstmöglich einen Platz für mich frei hat und welches auf meine benötigten Untersuchungen spezialisiert ist. Ungeduldig wartete ich Tag für Tag auf meinen Termin für das Krankenhaus.

Zwei Tage nach meinem 28. Geburtstag sollte es dann so weit sein: ich überschritt unmerkbar die Schwelle in einen neuen Lebensabschnitt, der alles für immer verändern sollte...











3 Kommentare:

  1. Hallo Jasmine... Eine sehr bewegene Vorgeschichte.... Traurig wie die Ärzte so mit einem umspringen.... schrecklich...

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  2. Hallo Jasmin! Danke, dass du uns an deiner Geschichte teilhaben lässt. Unglaublich, dass es ein Jahr gedauert hat bis man die richtige Diagnose gestellt hat... schade, dass es heutzutage so wenig gute Mediziner gibt, die dir eine Odyssee hätten ersparen können.

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    1. Meine liebe Annabelle, ja wirklich wahnsinn. Ich habe meine super Ärztin wiedergefunden, ich war heute bei ihr. Ich hoffe, sie flüchtet nicht wieder ^^´

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