Bereits
vor meinem Therapiebeginn hatte ich unglaubliche Angst vor meinem
Haarausfall. Bei dem Gedanken daran litt ich unheimlich. Ich liebte
meine Haare und konnte mir weder vorstellen noch akzeptieren, dass
sie mich verlassen sollten. Auf den Tipp hin, mir die lange Haare im
Vorfeld deutlich kürzen zu lassen, hatte ich mich einen Tag vor
Beginn der ersten Therapie mit Schatzi aus dem Krankenhaus
geschlichen und fuhr, zusammen mit meiner Flexüle im Arm, zum
Friseur. Die Friseurin schaute etwas merkwürdig, verstand dann
glaube ich, wieso ich letzten Endes da war. Dort ließ ich mir dann
einen Bob schneiden. Ich hatte noch nie so kurze Haare. Allein das
grobe Abschneiden meiner Haare war der Horror. Ich saß einfach nur
starr da, schaute in den Spiegel und sah wie meine geliebten Haare
fielen... Schatzi fand den Haarschnitt gar nicht schlecht. Ja, er
stand mir, aber das war einfach nicht ich und ich war auch einfach
gezwungen ihn von jetzt auf gleich anzunehmen. Schatzi fragte mich,
ob ich noch mal schauen wolle, als die Friseurin meine Haare weg
fegte. Mit einen knappen „nein“ war das Thema beendet. Im
Krankenhaus fiel den Pflegern und Schwestern direkt die frisch
geföhnte Frisur auf und es hagelte Komplimente. Da sich meine Freude
in Grenzen hielt, antwortete ich mit einem müden Lächeln: „Naja,
wird wohl leider eh nur ein kurzes Vergnügen bleiben.“
Zuhause
fing ich dann schon an, all meine vielen Haarpflegeprodukte
auszusortieren und auch Cremes und Sprays, die meine Haut nicht mehr
so gut vertragen hatte. Es ist Wahnsinn, was man alles so ansammelt
und so unbedingt braucht. Damit hätte ich direkt einen kleinen Basar
auf machen können. Und so hatte ich fast drei große Tüten
zusammen, die in den Besitz meiner Schwester oder Mama über
wanderten...
Ich
hatte im Vorfeld im Internet recherchiert, wann es denn in etwa
passieren wird, damit ich wenigstens ein bisschen vorbereitet war.
Viele sagten, dass der Haarausfall zwischen dem 12. und 14. Tag
anfing. Und wirklich. Pünktlich am Tag 13 begann es zu rieseln...
Einen Tag zuvor zuppelte ich noch noch leicht und dachte, „Mensch
da passiert ja zum Glück noch gar nichts“ – und dann von heute
auf Morgen das... Von da an litt ich jeden Tag Höllenqualen. Ich
traute mich schon gar nicht mehr morgens und abends die Haare zu
kämmen, es war jedes Mal eine einzige tränenreiche Tortur. Allein,
wenn ich über die Haare strich, hatte ich die Hände voll davon.
Tagsüber machte ich mir einen Zopf, der von Tag zu Tag dünner und
dünner wurde... Meine Kopfhaut schimmerte nun mehr als deutlich
durch. All das Rübergekämme, wie es die alten Männer so gern tun,
half nichts mehr. Da nun der zweite Zyklus vor der Tür Stand und ich
nicht auch noch meine letzten drei Haare im Krankenhausbett verteilt
haben wollte, musste Tag X wohl nun kommen...
Der
arme Schatzi hatte die ehrenvolle Aufgabe, mich von meinen letzten
paar Haaren zu befreien. Schon beim Geräusch des Rasierers liefen
meine Tränen. Es war ein einziges, minutenlanges Drama. Ich wollte
meine Haare im Waschbecken nicht mehr anschauen und mich so schon gar
nicht. Ich setzte direkt eine meiner gekauften Mützen auf und rollte
mich auf dem Sofa zusammen.
Erst
nach ein paar Stunden schaffte ich es vorsichtig in den Spiegel zu
schauen. Vorher hatte ich immer mit den Händen angetestet, was sich
von nun an unter der Mütze verbergen würde. Da stand ich nun und
schaute die fremde Frau in dem Spiegel an. Sie sah aus wie ich und
dennoch so fremd. Da war sie nun, die nicht bestellte „Frisur“
für die nächsten Monate...
Obwohl
ich so sehr gelitten und mich gewehrt hatte, um jedes Haar noch so
verzweifelt gekämpft hatte: mir ging es sehr viel besser als die
Haare weg waren. Die Tränen bei jedem Bürstenstrich waren
verschwunden. Traurig war ich natürlich oft noch, aber ich gewöhnte
mich dennoch daran. Und wenn nicht, gab es diesen wunderbar echt
wirkenden Fiffi, den mir meine lieben Eltern aus dem Perücken-Studio
geschenkt hatten...
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