Sonntag, 21. Februar 2016

Sie hatten (k)eine neue Frisur bestellt?

Bereits vor meinem Therapiebeginn hatte ich unglaubliche Angst vor meinem Haarausfall. Bei dem Gedanken daran litt ich unheimlich. Ich liebte meine Haare und konnte mir weder vorstellen noch akzeptieren, dass sie mich verlassen sollten. Auf den Tipp hin, mir die lange Haare im Vorfeld deutlich kürzen zu lassen, hatte ich mich einen Tag vor Beginn der ersten Therapie mit Schatzi aus dem Krankenhaus geschlichen und fuhr, zusammen mit meiner Flexüle im Arm, zum Friseur. Die Friseurin schaute etwas merkwürdig, verstand dann glaube ich, wieso ich letzten Endes da war. Dort ließ ich mir dann einen Bob schneiden. Ich hatte noch nie so kurze Haare. Allein das grobe Abschneiden meiner Haare war der Horror. Ich saß einfach nur starr da, schaute in den Spiegel und sah wie meine geliebten Haare fielen... Schatzi fand den Haarschnitt gar nicht schlecht. Ja, er stand mir, aber das war einfach nicht ich und ich war auch einfach gezwungen ihn von jetzt auf gleich anzunehmen. Schatzi fragte mich, ob ich noch mal schauen wolle, als die Friseurin meine Haare weg fegte. Mit einen knappen „nein“ war das Thema beendet. Im Krankenhaus fiel den Pflegern und Schwestern direkt die frisch geföhnte Frisur auf und es hagelte Komplimente. Da sich meine Freude in Grenzen hielt, antwortete ich mit einem müden Lächeln: „Naja, wird wohl leider eh nur ein kurzes Vergnügen bleiben.“

Zuhause fing ich dann schon an, all meine vielen Haarpflegeprodukte auszusortieren und auch Cremes und Sprays, die meine Haut nicht mehr so gut vertragen hatte. Es ist Wahnsinn, was man alles so ansammelt und so unbedingt braucht. Damit hätte ich direkt einen kleinen Basar auf machen können. Und so hatte ich fast drei große Tüten zusammen, die in den Besitz meiner Schwester oder Mama über wanderten...

Ich hatte im Vorfeld im Internet recherchiert, wann es denn in etwa passieren wird, damit ich wenigstens ein bisschen vorbereitet war. Viele sagten, dass der Haarausfall zwischen dem 12. und 14. Tag anfing. Und wirklich. Pünktlich am Tag 13 begann es zu rieseln... Einen Tag zuvor zuppelte ich noch noch leicht und dachte, „Mensch da passiert ja zum Glück noch gar nichts“ – und dann von heute auf Morgen das... Von da an litt ich jeden Tag Höllenqualen. Ich traute mich schon gar nicht mehr morgens und abends die Haare zu kämmen, es war jedes Mal eine einzige tränenreiche Tortur. Allein, wenn ich über die Haare strich, hatte ich die Hände voll davon. Tagsüber machte ich mir einen Zopf, der von Tag zu Tag dünner und dünner wurde... Meine Kopfhaut schimmerte nun mehr als deutlich durch. All das Rübergekämme, wie es die alten Männer so gern tun, half nichts mehr. Da nun der zweite Zyklus vor der Tür Stand und ich nicht auch noch meine letzten drei Haare im Krankenhausbett verteilt haben wollte, musste Tag X wohl nun kommen...

Der arme Schatzi hatte die ehrenvolle Aufgabe, mich von meinen letzten paar Haaren zu befreien. Schon beim Geräusch des Rasierers liefen meine Tränen. Es war ein einziges, minutenlanges Drama. Ich wollte meine Haare im Waschbecken nicht mehr anschauen und mich so schon gar nicht. Ich setzte direkt eine meiner gekauften Mützen auf und rollte mich auf dem Sofa zusammen.

Erst nach ein paar Stunden schaffte ich es vorsichtig in den Spiegel zu schauen. Vorher hatte ich immer mit den Händen angetestet, was sich von nun an unter der Mütze verbergen würde. Da stand ich nun und schaute die fremde Frau in dem Spiegel an. Sie sah aus wie ich und dennoch so fremd. Da war sie nun, die nicht bestellte „Frisur“ für die nächsten Monate...

Obwohl ich so sehr gelitten und mich gewehrt hatte, um jedes Haar noch so verzweifelt gekämpft hatte: mir ging es sehr viel besser als die Haare weg waren. Die Tränen bei jedem Bürstenstrich waren verschwunden. Traurig war ich natürlich oft noch, aber ich gewöhnte mich dennoch daran. Und wenn nicht, gab es diesen wunderbar echt wirkenden Fiffi, den mir meine lieben Eltern aus dem Perücken-Studio geschenkt hatten...

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